Donnerstag, 23. Juni 2011

DIE SEHNSUCHT EINER UNNAHBAREN

Bildcredit: Mona T. Brooks, Netroots Nation

Lamees klappt ihren iPad auf und tippt ein bisschen herum. Ihre langen Fingernägel klackern. Das Make-up sitzt perfekt, das Tuch ist festlich um den Kopf geschwungen. Sie geht stolz und gerade, hat ein freundliches, aber bestimmtes, ein herzliches und gleichzeitig distanziertes Auftreten. Sobald wir den Konferenzsaal verlassen, setzt sie ihre große Sonnenbrille auf. Unnahbar.

Wir sind in Washington auf einer Konferenz. Blogger und Aktivisten aus zwanzig Ländern sind geladen. Lamees kommt aus Bahrain. Dort war sie bis vor den Protesten eine der beliebtesten Journalistinnen des Landes. Man lud sie zu festlichen Staatsanlässen und schicken Galas ein. Ihre spitzzüngigen und kritischen Kommentare waren beliebt in dem kleinen Golfstaat. Lamees war Vorbild vieler Frauen, den Jugendlichen war sie eine Stimme. Alles änderte sich schlagartig, als sie sich für die falsche Seite einsetzte: für die protestierenden Bahrainer auf der Straße.

Lamees sitzt vor mir im Bus. Sie ist still, nachdenklich. Der Platz neben ihr ist leer. Sie setzt sich neben niemanden, niemand setzt sich neben sie. Ich kann meinen Blick nicht von ihr lassen. Möchte mich zu ihr setzen, mit ihr sprechen.

Wir sitzen wieder in einem Konferenzsaal. Es geht um Meinungsfreiheit. Lamees meldet sich und spricht. Währenddessen steigen mir Tränen in die Augen. "Mein Leben ist mir egal", sagt sie, "aber nicht das Leben meiner Familie." Drei Mal zündete man ihr Haus an, wohlwissend, dass nicht sie anwesend war, sondern ihre Familie. Nach und nach verliert Lamees den familiären Rückhalt. Sie bitten um ihr Schweigen. Derweil erhält sie Briefe und E-Mails von Familien, die um ihre Hilfe bitten. Ihre Kinder sind wegen regierungskritischen Facebook-Statusmeldungen im Gefängnis. "Sprich für uns, Lamees", bitten sie. Sie versucht es. Hin und her gerissen.

Eines Tages ist ihre Schwester, eine Ärztin und Mutter zweier Kinder, nicht mehr da. Die Regierung hat sie entführt. Drei Monate lang sitzt sie für Lamees im Gefängnis und wird gefoltert. Lamees kümmert sich um die Töchter ihrer Schwester, jeden Tag. "Ich sterbe innerlich", sagt sie. "Meine Schwester, sie folterten meine geliebte Schwester." Ihre Stimme zittert, sie entschuldigt sich. Betroffen blicken die Konferenzteilnehmer zu Boden. Lamees fängt sich und spricht kalt und distanziert weiter.

Als wir das Gebäude verlassen, um die Stadt zu besichtigen, sitzt sie alleine in der Lobby. Ich kehre zurück und bitte sie, mit uns zu kommen. Sie lächelt und sagt mit ihrer hohen Stimme und dem arabischen Akzent: "Nein, habibty (mein Schatz), ich bleibe lieber hier."

Am Abend sitzen wir wieder im Bus. Lamees trägt keine schicke Kleidung mehr, sondern Sportschuhe, weite Jeans und eine locker sitzende Bluse. Ich setze mich dieses Mal zu ihr. Wir sitzen schweigend nebeneinander. "Wie geht es dir?", frage ich sie. Sie lächelt milde und nimmt meine Hand. "Als ich in der Lobby saß, sprach ich mit meinen Vater. Ich habe seine Stimme vermisst."

Seit der Inhaftierung ihrer Schwester lebt Lamees in Dubai. Alleine. "Das ist mein Preis", sagt sie. Sehnsucht.

taz, Tuchkolumne, 22. Juni 2011

ZWEI EURO

Ich stehe in Köln am Bahnsteig und ziehe mir ein Ticket am Ticketautomaten – per Kartenzahlung. Als ich in das Ticketfach greife, entdecke ich ein zwei Eurostück. Soll ich es da lassen? Oder mitnehmen und einem Obdachlosen geben? Obwohl ich mir unsicher bin, ob ich das nicht vergessen werde, nehme ich das Geld mit.

Am nächsten Tag stehe ich am gleichen Bahnsteig, am gleichen Ticketautomaten. 2,50 Euro kostet das Ticket, ich werfe ein 2 und ein 1 Euro-Stück ein. Kurz vor Ticketkauf steht am Bildschirm „Verkehrsbund fehlgeschlagen“. Was soll das denn heißen? Ich klopfe gegen den Automaten. Keine Reaktion. Das Geld ist weg.

Samstag, 18. Juni 2011

SHADOWS

Feelings put in words are changed. Are limited. And as humankind only believes in words, someday the feeling itself will be forgotten. Shadows.

And so: Sometimes I better choose not to write.

Freitag, 17. Juni 2011

GEFAENGNISGESCHICHTEN

Wir sitzen an einem wackeligen Tisch vor einem Fastfood-Stand. Die Sonne knallt, ausserdem ist es sehr schwül in Minneapolis. Ich esse den zigsten und hoffentlich letzten fettigen Veggie-Burger meines Lebens. Mein Stuhl steht zwischen Irak (Qais) und Portugal (Paula) zusammen mit Palästina (Ziad) und Armenien (Samvel). Unsere 24-köpfige Blogger-Truppe ruft sich spasseshalber bei den Ländernamen.

Palästina, Armenien und Irak plaudern aus dem Nähkästchen, sie erzählen Gefängnisgeschichten. Portugal und ich hören gespannt zu. Es ist eine andere Welt. Es sind andere Welten.

Kirkuk in Irak. Es ist 3 Uhr nachts.* Die Türen klopfen und führen Iraks Freund nach draussen. Stockdunkel ist es. Nur ein Militärhubschrauber steht hell erleuchtet vor seinem Haus - "Blackhawk."
Die US-amerikanischen Soldaten zerren ihn in den Hubschrauber und brüllen ihn an. Er lächelt, grinst. Dann lacht er. Seine Augen leuchten. "Danke. Danke euch!", sagt er. Die Soldaten sind irritiert. "Ich bin noch nie in meinem Leben geflogen, das ist mein erstes Mal!", sagt er und er meint es ernst. Seine Freude ist echt. Während ihn die Soldaten anbrüllen und zusammenschreien, schaut er aus dem Fenster, die Ohren taub, die Augen auf seiner Stadt. Er fliegt.

Im Gefängnis beobachtet er die Soldaten intensiv. Interessant findet er sie. 45 Tage werden sie ihn unschuldig festhalten. Als klar wird, dass nichts gegen ihn vorliegt, werden die Soldaten freundlicher. Dann wagt er es und fragt: "Darf ich mit euch Basketball spielen?" Wieder irritiert er die Soldaten. Doch statt ein Brüllen, antwortet ihm dieses Mal ein "Ok, aber nur kurz."

Iraks Freund berichtet ihm voll Glück von diesen Ereignissen. Irak erzählt sie uns so weiter. Ich lache und amüsiere mich.

"Er hat bis heute Angst, dass ihn die US-Amerikaner wieder holen und inhaftieren", sagt Irak über seinen Freund. "Er ist paranoid geworden. Aber wir müssen lachen, was sonst können wir tun?"

*("3 Uhr nachts? So haben das auch die Sowjets gemacht", sagt Armenien. "Ja, auch die Israelis. Um die Uhrzeit kann man fast sichergehen, dass alle schlafen", fuegt Palästina hinzu. "Welch Zufall. Jesus starb um 3 Uhr nachts", sagt Portugal. Dann ist das wohl Tradition, beschliessen wir.)

Donnerstag, 16. Juni 2011

QAIS, IRAQ

Qais ist ein kluger Mann. Ein Laecheln auf dem Gesicht, ein warmes Herz. Seit fuenf Tagen reisen wir gemeinsam mit einer Grupper Blogger und Aktivisten aus der ganzen Welt durch verschiedene Staedte der USA. Wir sprechen ueber alle moeglichen Konflikte in der Welt, wir diskutieren und lachen viel. Wir essen und trinken. Wir hoeren zu und sprechen.

Nicht ein einziges Mal habe ich Qais nicht laecheln sehen. "Kennst du Ibrahim Tatlises?", fragt er mich. Dann zaehlt er seine vielen tuerkischen Lieblingssaenger auf. Bei Mahsun Kirmiziguel macht er halt und zwinkert. Kirmiziguel ist Kurde, sowie Qais.

Wir landen in Atlanta. Qais' Namensschild haengt noch an seinem Hemd. Auch "Iraq" steht auf dem Schild. "Yeah, you're free now!", ruft ein Amerikaner, der sein Schild entdeckt. Wir bleiben schockiert stehen. Sollen wir etwas sagen? Wird Qais etwas sagen? "Ok, come to my country. You will see", sagt Qais. Und laechelt.

Er sitzt auf dem Podium und diskutiert mit anderen Panelisten aus unserer Gruppe auf einer Bloggerkonferenz ueber den arabischen Fruehling. Eine Frage zu der kritischen Beziehung zum Iran wird gestellt. Man will dass er sich feindlich dazu aeussert. Qais Augen huschen durch das Publikum, er entdeckt Mehdi, den iranischen Blogger in unserer Gruppe. "Schaut", sagt er, "das ist mein Freund Mehdi. Wir waren gestern Abend zusammen Schischa rauchen. Dieser Konflikt ist ein Konflikt der Politik, nicht der Menschen." Qais laechelt.

Dann, irgendwann im Laufe des Panels, erzaehlt er von Videos, die er nie veroeffentlicht hat. Von Toten und Verletzten. "Sie sind so schlimm, dass sie die Videos nicht ertragen wuerden. Und ich habe so viele." Qais Gesicht ist freundlich. "Mein Schwager wurde vor zwei Wochen umgebracht. Ich habe ihn in zwei Teilen wiedergefunden", sagt er. Und er laechelt.

Dann entdecke ich die Trauer in seinen Augen. Sie war die ganze Zeit schon da.

IMPRESSIONEN


Die letzten Tage waren voller intensiver Eindruecke, Impressionen und Erfahrungen. Menschen, die ich traf, Orte, die ich sah, Woerter, die ich hoerte. Das American Indian Museum in Washington D.C. war nur ein Teil dieser Zeit, die noch andauert. Um die ersten Eindruecke zu verarbeiten und mich erstmals am Videoschneiden zu probieren, habe ich dieses Video zu der Musik von Philip Glass zusammengestellt. Jetzt aber muss ich mich erstmal sputen, zur Konferenz "Netroots Nation" in Minneapolis. Je oefter ich das Video mir ankucke, umso mehr Fehler entdecke ich. Schnell weg.

ENDZEIT ZEICHEN.

Mittwoch, 15. Juni 2011

NOCH WENIGE STUNDEN BIS MITTERNACHT



Ich hocke hier gerade in einer anderem Zeitzone auf einer Konferenz ueber "Blogging for Social and Political Change" und bin deshalb etwas rechenfaul - ein paar Stunden sind es jedenfalls bis zum Ende des Publikumsvoting fuer den Grimme Online Award, so viel konnte ich errechnen.

Egal, ob es klappt oder nicht, die Nominierung ist mir eine riesengrosse Ehre. Und die Blogger-Kollegen auf der Konferenz hatten die grandiose Idee das tolle Video zu machen. Danke an Sana Saleem fuer das Zusammenschneiden. (Ich lerne langsam - aber sicher!, - wie das Ganze funktioniert.)

Ich sende liebste Gruesse und Salams von Minneapolis nach Deutschland und allen anderen Laendern der Welt. Ahoi!

DAS IST DER PLAN.

OBAMAS MOND SIEHT AUCH NICHT ANDERS AUS.


Sonntag, 12. Juni 2011

DER MOND IST ÜBERALL GLEICH.

Times Square, New York City. 11. Juni 2011, 22:30 Uhr.

Donnerstag, 9. Juni 2011

IM LAND DER TARNKAPPEN. ODER: MEDIA VS. REALITY

Wir laufen durch das staubige Kairo. Die Sonne knallt und es tummeln sich Tausende von Menschen auf den Straßen der größten Metropole Afrikas. "Ah, kuck mal hier!", rufe ich, "Schau mal dort!" und zupfe am Hemd meines Mannes. Meine Kamera baumelt heute nutzlos an meinem Arm, ich möchte mich einfach nur sattsehen an dieser Stadt. Es ist laut und bunt. Die hupenden, ratternden und brummenden Autos geben dieser Stadt ihr Geräusch. Die vielen Frauen hingegen geben der Stadt ihre Farbe.

Einige ohne Kopftuch, viele aber mit. Manche tragen ihr Kopftuch ganz unscheinbar, natürlich und huschen mit dicken Büchern unter dem Arm durch die Menge, andere steigen von oben bis unten schwarz verschleiert aus dicken Wagen und wandern direkt ins vollklimatisierte Pizza Hut; und wieder andere stolzieren mit glitzerndem Kopftuch, knackengen Jeans, Gucci-Brille und hohen Absätzen durch die Menge. Und das sind nur die Archetypen. Es geht noch viel bunter zu.

Bei einem Telefonshop machen wir Halt, um SIM-Karten zu kaufen. Mit meinem bisschen Hocharabisch komme ich hier nicht weit, deshalb überlasse ich den Einkauf meinem Mann und seinem Freund - und widme mich dem Laden. Genauer gesagt den Werbeplakaten an den Wänden und den Musikclips im Fernseher. Ein großer Mobilfunkanbieter wirbt für einen neuen Vertrag - das Plakat ist vollgepackt mit lachenden, jungen und alten Ägyptern. Aber keine einzige Frau mit Kopftuch.

Im Fernsehen läuft derweil ein Musikvideo über die ägyptische Revolution. Es wird eine bunte Mischung ägyptischer Gesichter gezeigt, nur keines mit Tuch darum. Und auch in den Serien und Nachrichten, das gleiche Spiel. Es ist fast so, als würden koptuchtragende Frauen in Ägypten gar nicht existieren.

Paradox, find ich. Ausgerechnet in einem Land, wo doch knapp 80 Prozent der Frauen das Kopftuch tragen. Und mit dem Islam als Staatsreligion. Dann wiederum finde ich das doch nicht so paradox. Läuft es doch in der Türkei genauso ab.

Auf der Straße herrscht Tohuwabohu. Kopftuch, kein Kopftuch, Glatze und Bart. Schaut man aber populäres türkisches Fernsehen, könnte man in dem Glauben sterben, alle Türkinnen liefen in kurzen Röckchen, grell geschminkt und auf allerhöchsten Absätzen durch die Welt. Weder im Kino oder im Fernsehen, noch in Werbung oder Serien findet man Kopftuchträgerinnen, so als gäbe es sie gar nicht. Und kaum einen scheint es zu stören. Nicht einmal Kopftuchträgerinnen selber, die die Serien oftmals eifrig mitverfolgen.

Später erfahre ich von einer Debatte, die vor Jahren in Ägypten kochte. Einige prominente Schauspielerinnen und TV-Moderatorinnen entschieden sich für das Kopftuch. Und wurden gefeuert. Sie bekamen auch künftig keine nennenswerten Aufträge mehr. Die betroffenen Frauen gingen damit an die Öffentlichkeit. Geändert hat sich aber scheinbar nichts.

"After the Revolution", sagen die Ägypter, die ich darauf anspreche. Jetzt hätten sie ja schließlich Meinungsfreiheit, betonen sie und fügen hinzu: "Insh Allah" - so Gott will.

taz, Tuch-Kolumne, 07.06.2011

MEIN 1. LIEBLINGSPLATZ IN KAIRO: DER SUPERMARKT


Also ich spreche nur ein bisschen Hocharabisch (Fusha), jedenfalls eine Sprache, die in Konversationen mit den meisten Ägyptern vollkommen unnütz ist. Da kommt man selbst mit Englisch weiter. Aber eben auch nicht besonders weit.

Kurzum: Mit Worten kann ich hier nur schwer kommunizieren. Aber seitdem ich einmal kurz vor einer Klassenfahrt die Stimme verlor und meine Freunde mir zuliebe mehrmals am Tag unermüdlich Pantomime (Scharade) spielten, bin ich Pantomime-Profi. Eine wunderbare Alternative zu Worten.

Nun habe ich einen Spielplatz gefunden, wo ich meine perfektionierte Pantomime-Expertise einsetzen kann: Der riesengroße Allerlei-Supermarkt El Mahmal, hier bei uns in um die Ecke. Fast jeden Tag war ich dort. Ich fing an mit der pantomimischen Beschreibung von Töpfen, Flip-Flops und Besteck. Daraufhin folgten Handtücher, Waschmittel, Weichspüler, Zucker, Wegwerf-Handschuhe, Speisestärke und Falafel - eine lange Liste.

Mein bisheriger Höhepunkt: Mit stolz darf ich verkünden, dass ich der El Mahmal-Mitarbeiterin in kürzester Zeit erfolgreich das Wort "Duftsäckchen" beschrieben habe.

Ein tolles Gefühl ist das, wenn die Mitarbeiter einen mit leuchtenden Augen anblicken, weil sie verstanden haben, was ich meine; dann glänzen meine Augen, wenn sie mir das gesuchte Wort zeigen, weil sie mich tatsächlich und wirklich verstanden haben; dann staunen die Augen meines Mannes, wenn ich breit grinsend an der Kasse antanze, mit all den Produkten, die ich alleine niemals gefunden hätte.

Hach. Ich liebe El Mahmal.

Sonntag, 5. Juni 2011

AUCH AUS KAIRO KANN MAN DIE WERBETROMMEL RÜHREN


Meine Damen und Herren, noch zehn Tägchen ein Klickchen bittchen.

Weil man mich mehrmals fragte, erkläre ich mal - selbstlos, wie ich halt so bin. Also für den Grimme Online Award kann man
so abstimmen:

1. Klick auf den Link http://www.tvspielfilm.de/gewinnspiele/grimme/wahl/
2. Suche dir eine Webseite aus und klicke sie an
3. Gebe unten rechts deine Stimme ab

Zack! Damit ist gewählt. So einfach geht das. :)

Man muss also
nicht drei Stimmen abgeben (jede Stimme wird sofort gezählt) und auch nicht die persönlichen Daten eingeben, um am Gewinnspiel teilzunehmen.

Ja, und wenn ihr für ein fremdwörterbuch stimmt, wäre das natürlich besonders toll. Der direkte Link hierfür: http://www.tvspielfilm.de/gewinnspiele/grimme/wahl/die-nominierten-websites,4537607,ApplicationCategoryVoting.html?tab=0&contentId=4537750
Noch ZEHN Pupsitage (bis zum 15. Juni 0.00 Uhr) darf nämlich gewählt werden, dann steht der Gewinner fest und wird am 20. Juni verkündet!

Huy, ich bin ein bisschen aufgeregt. Die Preisverleihung fällt übrigens genau in die eine Woche, die ich in Deutschland bin. Freu mich dabei zu sein. Werde dann aus der Bloggerparallelwelt berichten.

Sonnige Grüße aus der bunten Kairoer City!

Wer oder was ist Grimme Online Award? Hier zum Nachlesen!

Freitag, 3. Juni 2011

MAHMOUD, CAIRO

Mahmoud war der erste in Kairo, der uns nach Geld fragte. Nach drei Tagen in dieser Großstadt. Wir waren vorbereitet. Freunde hatten uns gesagt, wir sollten immer Kleingeld dabei haben - die Kinder würden sich freuen. Mahmoud schenkte uns ein wunderbares Lächeln. Nicht des Geldes wegen, sondern wegen der wenigen Worte, die wir wechselten. Und noch immer steckt mich sein Lächeln an, wenn ich das Bild sehe. Und ich finde, er hat mir mehr gegeben, als ich ihm.

In Berlin fragte man mich jeden Tag in der U-Bahn und auf der Straße nach Geld. Aufdringlich waren die meisten. Und viele nicht glücklich über das, was ich ihnen gab. Einer sagte, er hätte seit Tagen nichts gegessen. Ich gab ihm meine selbstgebackenen Pogca (türkische Brötchen mit Hackfleisch), die ich zufällig dabei hätte. Er schaute mich angewidert an und drehte sich weg.

In Granada saßen wir auf einer Bank. Ich lauschte der Flamenco-Musik von Straßenmusikern. Es war schön, ich genoss die Atmosphäre. Einige tanzten, andere schauten sich die wunderbare Aussicht auf die südspanische Stadt an - rot umflutet durch untergehende Sonne. Als die Straßenmusiker ihre Gitarrenkästen aufklappten, gaben einige ihnen Geld. Ich hatte nicht gefragt, ob sie für mich spielen wollen, sie hatten mich nicht um Geld gebeten, aber sie gaben Musik und ich nahm sie. Freiwillig und unfreiwillig zugleich hatten wir gehandelt. Ich fand, sie hatten ein Recht auf das Geld.

In Berlin traf ich immer wieder einen alten Mann in der U-Bahn, der Gedichte vortrug. Manchmal Liebesgedichte und manchmal anzügliche Zeilen von Goethe. Dann entschuldigte er sich bei den Damen und den Männern mit Frauen im Arm zwinkerte er zu. Ich habe ihm nie Geld gegeben. Mir gefiel seine Auswahl nicht. Aber seine Art, die gefiel mir. Einmal hätte ich ihm dafür etwas in den Hut legen können, finde ich.

Das Leben ist ein Geben und Nehmen. Die meisten Menschen nehmen mehr, als sie geben.

Mittwoch, 1. Juni 2011

ICH BIN HIER


Die muslimischen Verbände müssen sich zu Homosexualität positionieren!", sagt er zu mir. Er ist CDU-Politiker und ehemaliger Minister. Wir sitzen zusammen auf dem Podium, und ich kann nicht glauben, was ich da höre. "Verlangen Sie denn dann auch von jedem Katholiken, dass er sich zu Homosexualität positioniert?", frage ich zurück. Er wird rot, schweigt und verschränkt trotzig die Arme.

Besser hätte er sich nicht entlarven können. Weshalb misst man in unserer Gesellschaft mit zweierlei Maß? Warum sollen sich Muslime und Migranten über das Grundgesetz hinaus zu etwas bekennen, wiederholt Loyalität zu Deutschland bekunden oder sich von irgendwelchen Dingen distanzieren? Ich bin hier und lebe hier. Ich muss mich zu nichts mehr oder weniger bekennen als meine Freundin Julia, die Nationalstaaten total bescheuert findet. Oder Claudia, die sich für die brasilianische Nationalmannschaft in gelb-grüne Flip-Flops und T-Shirts wirft, wenn Fußball-Weltmeisterschaft ist. Oder Lena, die den Kapitalismus satthat und lieber den Kommunismus einführen wollen würde.

Darf ich das auch wollen?

Es ist Abend. Der türkische Verbandsvertreter steht schnurgerade mit dem Sektglas in der Hand. Ich schiele zu ihm rüber und spüre seine Anspannung. Er bemüht sich um ein Lächeln in die Runde und streicht sich durch die dunklen Haare. Wir sind in Berlin bei einem Botschafter zum Essen eingeladen. Anlass ist der Sederabend, der Auftakt des jüdischen Pessach-Festes. Man ist gut angezogen, schicke Kleider die Damen, Anzug und Krawatte die Herren. Auch seine Krawatte sitzt - nur ein bisschen zu eng vielleicht.

Nach dem kurzen Empfang setzen wir uns an den festlich mit Silberbesteck dekorierten Tisch. Ich sitze neben einem bekannten und angesehenen Juden. Wir unterhalten uns über die jüdischen Traditionen und Eigenheiten. Ein jüdischer Professor führt uns in die Rituale des Sederabends ein. Er ist kein praktizierender Jude, deshalb muss ihn mein Sitznachbar hin und wieder korrigieren, humorvoll. Man lacht, scherzt und ist bemüht, jeden Gast einzubinden. Die angespannte Stimmung löst sich. Nur bei ihm nicht, dem türkischen Verbandsvertreter. Kerzengerade sitzt er an seinem Platz.

Später am Abend lehnt er sich über den Tisch. Er will einige Worte sagen. Man ist still, lächelt ihn an und hört ihm zu. Er schiebt die Gabel hin und her. "Danke für die Einladung!", sagt er. Bitte-gern-Gemurmel ertönt. Dann holt er aus: "Ich möchte mich im Namen meines Vereins von den terroristischen Anschlägen in Israel und den USA distanzieren. Das, was die gemacht haben, ist falsch. Die sind keine richtigen Muslime. Im Islam darf man das nicht. Wenn man einen Menschen tötet, dann ist das so, als ob man die ganze Menschheit getötet hätte." Er stockt und verhaspelt sich. Man ist still und betreten. Er fährt fort: "Also wir Muslime verurteilen diese Terroristen aufs Schärfste. Sie gehören nicht zu uns, sie sind eine Minderheit."

Ich schaue auf meinen Teller und versuche die Stille am Tisch zu hören. In mir drinnen ist es viel zu laut.

Tuch-Kolumne, taz, 24. Mai 2011

WIR ERINNERN UNS


Ich wache auf. Der LKW rüttelt nicht mehr. "Komm wir machen eine Pause", sagt mein Mann und steigt zusammen mit dem Fahrer aus dem LKW. Mir ist noch ein bisschen wummrig. Innerhalb von sieben Stunden hatten wir heute unsere Berliner Wohnung leer geräumt und im LKW verstaut, um unser Hab und Gut für die nächsten drei Monate in Hamburg zu lagern. Ich bin erschöpft. Mein Mann und der Fahrer sind schon in der Tankstelle, um Kaffe zu kaufen. Langsam torkele ich hinterher.

Plötzlich bin ich hellwach. Die Tankstelle kenne ich doch. Hier müsste ein Shampoo-Regal stehen, da hinten die Kasse und... ja, er steht dort. Wie vor knapp einem Jahr steht der füllige Mann mit lichtem Haar und Brille auch heute Nacht an der Kasse.

Ob er sich an mich erinnert? Ob er sich daran erinnert, wie er meine Freundin Maya an der Kasse zusammenfauchte und über ihr Kopftuch schimpfte? Und wie wir am Shampoo-Regal standen und feststellten, dass Maya Recht hatte? Dass das Shampoo tatsächlich nur 3.50 kostete, statt 4.50 wie er sie zahlen lassen wollte? Dass er daraufhin alle Shampoos aus dem Regal nahm und meinte, sie stünden nicht zum Verkauf?

Ja, es dauert ein bisschen, aber er erinnert sich. Wir erinnern uns beide. Er hinter den Wrigleys-Kaugummis an der Kasse, ich davor, neben den Kinderriegeln.

Und jetzt?, frage ich mich. Warum habe ich ihn gefragt, ob er sich erinnert? Ich ertappe mich dabei, wie ich mir sehnlichst wünsche, dass er sich entschuldigt, ja sogar, dass er Reue zeigt. Ich will, dass es ihm Leid tut und dass alles wieder gut ist. Ich will, dass er sich geändert hat. Aber er hat sich nicht geändert, stelle ich fest. Noch immer kuckt er mich abfällig an. Noch immer glaubt er sich im Recht. Wut steigt in mir hoch. Ich möchte ihm all die Sätze sagen, die mir einfielen als Maya und ich damals wieder im Auto saßen und uns über ihn ärgerten. Jetzt stehe ich vor ihm und mir fällt wieder keiner dieser Sätze ein. Was mache ich hier, bitteschön? Ich will, dass er sich jetzt ändert. Vor mir, an Ort und Stelle.

Dann schäme ich mich. Was fällt mir bloß ein?

In der Kolumne "Der Tuchhasser von der Tankstelle" schrieb ich am 21. Juli 2010 von diesem Erlebnis. Hier zum Nachlesen. Außerdem bei dieser Gelegenheit: Herzlichsten Dank an meine wunderbaren Berliner Umzugshelfer, ihr seid Engel!