
Es ist der zweite Tag des Ramadanfestes. Wir haben uns schick angezogen und besuchen die Freunde meiner Großeltern. Schon lange war ich nicht mehr in dem Hamburger Arbeiterviertel, wo meine Großeltern damals wohnten. Hier ziehen reihenweise Wohnblöcke durch die Landschaft, unterbrochen durch kleine Wiesenflächen und Spielplätze.
Der Riesenfels auf der Wiese auf dem wir als Kinder spielten ist nur noch ein mittelgroßer Stein und die Häuser sind auch nicht mehr so hoch, stelle ich überrascht fest. Und Tante Serife, die ehemalige Nachbarin und Familienfreundin, ist viel kleiner als ich, sie reicht mir gerade mal bis zur Brust. Zuletzt haben wir uns vor Jahren gesehen. Tante Serife ist seitdem noch etwas rundlicher geworden, hat aber immer noch das freundliche Gesicht von damals. „Ihr seid aber groß geworden“, sagt sie, als sie mich und meine Schwester sieht und umarmt uns herzlich. Im Wohnzimmer erwarten uns Tee und Gebäck.
Dort sitzen ältere Damen in einer Runde und erzählen von früher. Früher, da konnte ich bei meiner Oma nie einschlafen, weil die alte Wanduhr im Wohnzimmer so laut tickte. Manchmal auch weil am nächsten Tag das Ramadanfest anstand und Flugzeuge in meinem Bauch Landeübungen machten.
Am Morgen des Festes aber liefen wir Kinder trotz Schlafmangel voller Energie durch die Wohnung meiner Großeltern und küssten die Hände der Erwachsenen, ein Zeichen des Respekts. Dafür gab es dann Kleingeld und Süßigkeiten. Nach und nach füllte sich die Wohnung mit Nachbarn und Freunden. Es wurde voll, laut und lebendig.
Wie alle Großmütter war auch meine Großmutter eine großartige Köchin. Sie kümmerte sich um die Gäste, versorgte sie mit ihrem beliebten Blätterteiggericht und schmierte mir heimlich Schokoladenbrötchen.
Mein Großvater wusste anscheinend von unserem kleinen Geheimnis: Bei ihm gab es immer Obst. Jedem Enkelkind steckte er Apfelstückchen in den Mund und reichte Weintrauben nach. Für mich war er der größte und längste Mann auf der Welt. Das lag am gesunden Obst, da war ich mir sicher. Ich habe es geliebt an seinem dichten Bart zu ziehen, an ihm herumzuklettern und auf seinem Schoß zu sitzen. Heute ist er krank und tragen kann er mich auch nicht mehr – wobei das eher an mir liegt als an ihm.
Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Feste wir nun schon ohne meine Großeltern feiern mussten. Sie sind in der Türkei, wo sie die Hälfte des Jahres verbringen. Früher machte mir das nichts aus – sie wollen einfach nur ihr Leben genießen und urlauben, dachte ich. Jetzt weiß ich es besser. Nach vierzig Jahren harter Arbeit hier, fühlt mein Großvater, dass er keinen Platz mehr in Deutschland hat. Wir, Kinder und Enkel, sind der einzige Grund, warum beide jedes Jahr aufs Neue nach Deutschland kommen. Noch viel mehr als wir, sind sie hin- und hergerissen zwischen zwei Ländern und Welten. Ihr Herz ist im ewig fremden Deutschland bei ihrer Familie, schlägt aber für die Türkei, ihre Heimat.
Kürzlich las ich „Ganz unten“ von Günter Wallraff. Ich weiß, dass auch mein Großvater ähnliche Erlebnisse wie Wallraff (oder „Ali“) hatte. Uns gegenüber hat er Deutschland aber nie schlecht geredet, nie hat er ein schlechtes Wort über die „Deutschen“ verloren. Er ist der größte Mann der Welt für mich.
Im Wohnzimmer sitzen noch immer die alten Damen und schwelgen in Erinnerungen. Es werden immer weniger von ihnen. Sie fehlen.
taz, Tuch-Kolumne, 15.09.2010
Übrigens: Leider ist die Kolumne dieses Mal auf der taz-Webseite nicht online, wird aber vielleicht in den nächsten Tagen nachgeholt. Die Seite verlinke ich dann hier.
Nachtrag: Hier der Link zur Kolumne auf der taz-Seite.










