…dann befinden wir uns auf der Istiklal Caddesi in Istanbul, Türkei. Allein am Wochenende drängen sich drei Millionen Menschen auf drei Kilometer Kultur, Geschichte und Abenteuer. Dreimillionenundeins wurden es, als auch FREIHAFEN dem fesselnden Geruch folgte.
Schon immer zog die Istiklal Caddesi Künstler, Intellektuelle, Abenteurer und Charaktermenschen aus aller Welt an. Im 19. Jahrhundert nannten Europäer Istanbul Paris des Ostens und die Istiklal Caddesi Grand Rue de Péra. Auch heute lockt die Stadt, und speziell die Istiklal Caddesi, durch ihre Mischung aus Orient und Westen, Kultur, Abenteuer und Geschichte.
Da ist zum Beispiel Mustafa Gazi, ein auffälliger und viel zu junger Istiklal-Kriegsveteran mit einer Rose an der Brust. Bei Wind und Wetter steht er auf der Istiklal Caddesi und lässt sich von neugierigen Touristen fotografieren. Verständlich bei den vielen Medaillen, die er auf seiner Uniform trägt. Bei genauerer Betrachtung fällt dann aber auf, dass die Medaillen allesamt eigentlich nur bunte Buttons sind, seine Uniform die eines Busfahrers und die Krawatte zu den städtischen Metro-Angestellten gehört. Trotzdem hören sich jeden Tag zahlreiche Touristen seine Kriegsgeschichten an. „Es war ein harter Kampf. Wir waren ständig im Einsatz – Tag und Nacht“, erzählt Mustafa Gazi vom Istiklal-Krieg und freut sich über die Anerkennung. Von der Istiklal Straße ist er mittlerweile kaum wegzudenken.
Hier spielen Straßenmusikanten klassische türkische Musik mit Instrumenten aus allen Ecken der Welt, dort hält ein Mann eine Rede und wieder woanders werden mitten auf der Straße Theaterstücke aufgeführt. Etwas weiter lauscht eine Menschentraube dem melancholischen Spiel eines Puppenspielers und auf dem Boden vor einem indischen Laden malt ein Kreidekünstler.
Inzwischen ist es früher Abend, die vielen kleinen Läden umrahmt von verzierten Gemäuern tauchen in ein warmes Rot. Zwei junge Studenten sitzen an einem Tisch vor einem Seitengassen-Cafè. Sie lauschen der Musik eines Ney-Spielers, trinken schwarzen Tee und spielen Tavla, ein traditionell türkisches Brettspiel. Das tun hier alle, von jung bis alt. Dabei gestikulieren sie wild, lachen und scherzen. So auch der Student Orkun und die Studentin Tutku. Jede Woche treffen sie sich hier und immer öfter besiegt Tutku ihren männlichen Kommilitonen in diesem typischen Männerspiel. Auf die Frage, warum sie ausgerechnet auf der Istiklal Caddesi spielen, antworten sie: „Hier ist es so lebendig und fröhlich. Die vielen unterschiedlichen Menschen, denen wir hier begegnen! Und außerdem: Es riecht hier so schön - nach Geschichte und Kultur.“
„Es riecht nach Geschichte“ - das sagt man so im Türkischen.
Die jahrhundertealten Gebäude, die Tränen des Lenin-Fans, Mustafa Gazis Ansteckrose, das Maras-Eis, der Tee, die Kreide, das Holz der Instrumente und die Menschen. Ich schließe die Augen - und tatsächlich: Jetzt rieche ich es auch.
veröffentlicht 2007 im FREIHAFEN, Ausgabe "Luxus", Download hier
Englisch auf Today's Zaman
Bild 1: Nilgunerzik;Bild 2: Robino; Bild 3: Nermz; Bild 4: privat






